Weide, Birke, Bambus

Du liegst in meinem Bett und liest mir vor. Die Sonne scheint. Meine Wange ruht auf deiner Schulter, bewegt sich auf und ab an deinen Atemzügen entlang. Ich spüre die Textur deines burgunderroten T-Shirts und die Vibration deiner dunklen Stimme.
Du hörst auf zu lesen, schaust mich an, wagemutig. „Es ist doch klar, warum wir hier sind“, sagst du, und dann packst du aus. Du legst meine Hand auf deinen Schwanz, der kurz, aber dick ist. Wie immer bin ich überrascht: wie seidig die Haut ist, und darunter hart – nicht wie Stein, sondern wie Weide, Birke, Bambus. Du hast viele dicke Adern, aber es fühlt sich gut an, wirklich gut. Ich fühle mich glücklich, unbeschwert, unschuldig.
Während wir dort liegen, meine Wange auf deiner Schulter, meine Hand um deinen Schwanz, schmilzt meine Kleidung, wird langsam transparent und löst sich auf. Auch ich schmelze, werde kleiner; Vogelknochen, federleicht. Deine Hände an meinem Brustkorb, setzte ich ein Bein über dich und dann… kommt dieses Gefühl, das sich kaum beschreiben läßt. Man kennt es, oder eben nicht. Zutiefst angenehm, obwohl es eigentlich zu groß ist und dehnt, was eng ist. Zutiefst angenehm, weil es an einer Stelle berührt, von der ich zuvor nicht wußte, wie sehr sie nach Berührung verlangt hat. Wie ein Kratzen an einer Stelle, an die man selbst nicht rankommt, wie Wasser auf einer ausgedörrten Kehle, wie Zucker auf der Zunge.
Später bin ich ganz geborgen – Kissen unter mir, du über mir, und glücklich, glücklich.

Es ist Sonntag morgen, 7.26 Uhr. Die Sonne scheint. Ein Tag, der mit einem solchen Traum beginnt, kann nur gut werden, auch wenn sich so wenig davon in die Realität retten läßt.
Was wäre das Süße ohne das Bittere.

Spoiler

Sams Ehemann hat sie und ihren zuckerkranken Sohn gekidnapt. Seine Komplizin hatte Luka ein atemlähmendes Mittel injiziert, aber Sam gelang es (noch in der letzten Staffel), ihn zu intubieren. Abby, von Luka schwanger, bricht zusammen. Jerry, der Rezeptionist, den ich bei Parker Lewis lieben gelernt habe, wird von Sams Ehemann bei einer Schießerei angeschossen, als sie fliehen. Bei der anschließenden Notoperation am offenen Herzen assistiert Neela, die extra deswegen von der Beerdigung ihres Mannes zurückgekommen war, der als Arzt im Irak gefallen war. (Jerrys Herz wird immer wieder mit diesem salatzangenähnlichen Gerät geschockt.) Bei Abby hat sich die Plazenta abgelöst. Sie bekommt Krämpfe, Luka hebt die Bettdecke und zwischen ihren Beinen sieht man diese unglaublich große Blutlache. Das Kind wird per Kaiserschnitt geholt, zweieinhalb Monate zu früh. Abbys Gebärmutter muß entfernt werden. Das Kind kriegt 100% Sauerstoff. Luka rastet im Männerklo aus und wirft einen Mülleimer in den Spiegel.
Sam Ehemann erschießt seine Komplizen nach einem Streit. Anschließend vergewaltigt er Sam. Als er eingeschlafen ist, erschießt sie ihn mit drei Schüssen.

Ich glaub‘, ich guck das nicht mehr. Mir ist das zu blutig, echt.

merken: vergessen.

Du setzt Dich zu mir, redest mit mir,
lange.
Du bringst mich zum Auto.
Du fragst mich, was ich am Wochenende vor habe.

Du bist nichts für mich.
Ich bin nichts für Dich.

Jeden Montag stellt sich heraus, daß Du
Deine Sonntage mit fünfundzwanzigjährigen
Girlies mit Bauchnabelpiercings verbringst.

Pocket Symphony

ist der perfekte Titel für die neue Platte von Air. Sie ist großartig wie eine Symphonie, aber auch ein wenig belanglos wie etwas, das man in die Tasche stecken kann (Taschenbuch?). Ich habe sie in letzter Zeit sehr oft gehört, meist nebenher (Werktätigkeit, Hausarbeit, Zug-und Autofahrten). Sie läuft gut durch war in dem Zusammenhang mein häufigster Kommentar zu Freunden und Kollegen. Belanglose Hintergrundmusik mag man denken, aber dann fängt man auf einmal an, Riffs und Bruchstücke der Platte auch dann zu hören, wenn sie gar nicht läuft. Spätestens dann muß man sich eingestehen, daß man sie mag, diese Symphonie, und daß Air damit etwas großartiges gelungen ist.

Malorama prophezeite:

aber irgendwann gefällt einem die platte dann doch ganz gut, auch wenn einem jetzt schon vor der zweitverwertung als backgroundmusik [döngeldöngelblub] für zwanzigsekundeneinspieler in wissens-tv-magazinen auf pro7, home-improvement-shows auf rtl2 und kulturzeit-autorenporträts auf arte graut.

Er hat natürlich, wie übrigens in allem anderen auch, Recht. In der letzten Woche wurde ich zweimal Zeugin des Fernsehmißbrauches von Pocket Symphony: irgendein Gesunheitsmagazin auf Mdr (Thema: Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs) und „der große Finanzcheck: Wege aus der Schuldenfalle.“

Ich rate zum baldigen Kauf des Albums, bevor es für irgendeine Versicherungswerbung benutzt wird, die uns alle überflutet, und wir Air nicht mehr ertragen können.